Andrea Schneider
14. Juli 2017 | Titelseite

Vier Säfte und die Blüte der Scharlatane - Stadtmuseum Iserlohn beschäftigt sich mit Heilkunst des Mittelalters 

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Die Heilkunst des Mittelalters steht im Mittelpunkt der neuen Ausstellung im Stadtmuseum. Hier ist ein Einblick in die Augenheilkunst zu erleben. (Foto: Stadtmuseum Iserlohn)

Die Heilkunst des Mittelalters steht im Mittelpunkt der neuen Ausstellung im Stadtmuseum. Hier ist ein Einblick in die Augenheilkunst zu erleben. (Foto: Stadtmuseum Iserlohn)

Iserlohn. (Red.) „Gegen Nasenbluten hilft, wenn man den kleinen Finger der linken Hand fest mit einem Faden zubindet. Wenn das nicht hilft, so nimm aus dem Gebeinhaus die Hirnschale eines Menschen, lege sie auf eine Röste, dörre sie und stoße sie zu Pulver. Trinke das Pulver im warmen Bier...“. Die Heilkunst des Mittelalters war jenseits des Volksglaubens, der, wie das Zitat zeigt, für heutige Betrachter absurd anmutende Blüten treiben konnte, überraschend vielfältig.

Das Stadtmuseum Iserlohn widmet sich diesem beklemmend-faszinierenden Aspekt mittelalterlichen Lebens bis zum 20. August mit der Sonderausstellung „Geschröpft und zur Ader gelassen – Heilkunst im Mittelalter“. Die Ausstellung wurde konzipiert von Dr. Alice Selinger, Dreieich.
Die Heilkunst des Mittelalters basierte noch auf der sogenannten Vier-Säfte-Lehre, die bereits in der Antike entwickelt worden war. Waren die vier Säfte Blut (sanguis), gelbe Galle (chole), schwarze Galle (melancholia) und Schleim (phlegma) nicht im harmonischem Gleichgewicht, entstand eine Krankheit.
Angesichts großer Seuchen versagte dieses System, das sogar die Planeten und ihre Konstellationen in die Heilung einbezog. So kamen etwa die Ärzte der Pariser Universität, die 1348 im Auftrag des französischen Königs Philipp VI. ein Pestgutachten erstellen sollten, zu dem Ergebnis, die Planeten hätten die Luft verdorben. Diese wäre von den Menschen eingeatmet und in ihrem Herz mit Blut zu ihrem Lebensgeist vermischt worden, der im Sinne der Säfte-Lehre zu warm und feucht geworden war – woraufhin der Betroffene an der Pest erkrankte. Man besprühte die Kranken daher mit Essig und räucherte die Häuser mit Schwefel und Weihrauch aus.
Kräuter, Salben und Pillen
Gewürze und Kräuter waren die häufigste Grundlage der Heilmittel, es wurden aber auch Mineralien verwendet. Viele komplexe Arzneien enthielten außerdem Knochen, Blut oder Fette von Tieren. Salben oder Öle stellte man aus Schweineschmalz, Butter von der Kuh oder der Ziege, aus Wachs oder teurem Olivenöl her. Pillen formte man mit Honig, den man auch zur Wundbehandlung einsetzte.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich in den Klöstern mit ihren Kräutergärten Spezialisten für einzelne Aufgaben, so auch der Mönchsarzt Notker der Abtei in St. Gallen. Er lebte im 10. Jahrhundert und behandelte selbst den Adel am Kaiserhof der Ottonen. Vor allem Brüche, Augenleiden und Hautkrankheiten soll er geheilt haben.
Im Jahre 1215 untersagte das Vierte Laterankonzil den Medizinern im priesterlichen Gewand die Ausübung chirurgischer Maßnahmen, denn die Schuld am Tode eines Menschen machte sie zum Priesteramt untauglich. Anatomie wurde fortan nur anhand schematischer Darstellungen unterrichtet, das Sezieren von Leichen war streng verboten, als Strafe drohte die Exkommunikation.
Es kam zu einer folgenreichen Trennung: Der studierte Arzt ohne praktische Erfahrung, der physicus, war für die innere Medizin zuständig, der handwerklich ausgebildete Wundarzt, der chirurgicus, versorgte Wunden und Brüche. Der größte Teil der Bevölkerung wurde weiterhin von Vertretern der niederen Heilberufe versorgt.
Bader betrieben die Badestuben, in denen auch Wunden behandelt, Zähne gezogen, Klistiere und Massagen verabreicht wurden. Sie ließen zur Ader und schröpften, sie führten kleinere chirurgische Eingriffe durch. Barbiere waren häufig zugleich Zahnärzte, viele behandelten auch kleinere Wunden und verrenkte oder gebrochene Glieder und sie ließen ebenfalls zur Ader. Die Scherer arbeiteten für das Militär. Da sie ihr Wissen in der Praxis auf den Schlachtfeldern erlangten, waren sie oft die bes­ten Chirurgen oder Wundärzte ihrer Zeit. Der Bruchschneider behandelte äußere Eingeweidebrüche (Hernien), der Steinschneider Blasen- oder Harnröhrensteine. Starstecher waren für Augenkrankheiten zuständig. Sie alle übten ihr Handwerk meist ambulant aus und boten ihre Dienste vor allem auf Jahrmärkten und an Marktplätzen an.
Zahnbehandlung als Spektakel
Der Zahnbrecher beherrschte nur zwei Behandlungsmethoden: Entweder wurden die kranken Zähne gezogen oder ein Zahnpulver verwendet. Oft wurde aus einer Zahnbehandlung ein öffentliches Spektakel.
In einer Zeit mit oft katastrophalen hygienischen Bedingungen, ohne Antibiotika und ohne jegliches Wissen über die Übertragungswege von Infektionskrankheiten, schlugen tödliche Krankheiten und Seuchen plötzlich und scheinbar unerklärlich zu und rafften die Erkrankten erschreckend schnell hinweg. Kein Wunder also, dass dies auch eine Blütezeit der Scharlatane und des Aberglaubens war.
Alle Interessierten sind herzlich zum Besuch der Ausstellung eingeladen. Das Stadtmuseum Iserlohn (Fritz-Kühn-Platz 1) öffnet dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.



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