HVO im Schwerlastverkehr, Massimo Romagnoli (DKS): Wirtschaftlichkeit statt Ideologie

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Die Energiewende im Transportsektor tritt in eine Phase ein, in der operative Entscheidungen direkten Einfluss auf Kostenstrukturen, Risikoprofile und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen haben. Für Flottenbetreiber und Logistikunternehmen ist die Reduktion von Emissionen längst keine reine Reputationsfrage mehr, sondern ein wirtschaftlicher Faktor, der über den Zugang zu Aufträgen, regulatorische Konformität und die Sicherstellung des laufenden Betriebs entscheidet.

In diesem Kontext steht weniger die Einführung völlig neuer Technologien im Vordergrund als vielmehr die Fähigkeit, bestehende Infrastrukturen an einen zunehmend hybriden Energiemix anzupassen.

Nach Einschätzung von Massimo Romagnoli, italienischer Unternehmer und seit 2024 CEO der DKS Eliquid GmbH – einem Unternehmen, das im Bereich der Kraftstoffdistribution und nachhaltiger Energielösungen tätig ist – bleibt der Schwerlastverkehr kurzfristig eines der schwierigsten Segmente für die Dekarbonisierung. Eine flächendeckende Elektrifizierung stößt weiterhin an strukturelle Grenzen, während gleichzeitig strengere europäische Vorgaben eine messbare Reduktion der Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verlangen. In diesem Spannungsfeld gewinnen sogenannte „Drop-in“-Kraftstoffe zunehmend an Bedeutung, da sie eine Reduktion des ökologischen Fußabdrucks ermöglichen, ohne bestehende industrielle Strukturen zu verändern.

HVO, Hydrotreated Vegetable Oil, gehört zu dieser Kategorie. Es handelt sich um einen synthetischen Dieselkraftstoff gemäß EN-15940, der aus gebrauchten Pflanzenölen und industriellen Reststoffen hergestellt wird und fossilen Diesel vollständig ersetzen kann. Aus wirtschaftlicher Sicht liegt der zentrale Vorteil von HVO darin, dass keine zusätzlichen Investitionen in Fahrzeuge oder Infrastruktur erforderlich sind. Flotten können weiterhin mit bestehenden Fahrzeugen und Tankanlagen operieren und gleichzeitig die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus des Kraftstoffs deutlich reduzieren. Damit wird HVO insbesondere für Unternehmen relevant, die ihre Umweltkennzahlen kurzfristig verbessern müssen, ohne den laufenden Betrieb zu unterbrechen.

Neben dem Kraftstoff selbst rückt ein weiterer Faktor zunehmend in den Fokus: die Logistik. Die Lagerung, Distribution und Zertifizierung von emissionsarmen Kraftstoffen erfordert zuverlässige, integrierte und regulatorisch konforme Netzwerke. Deutschland entwickelt sich hierbei dank seiner strategischen Häfen, leistungsfähigen Binneninfrastruktur und eines stark compliance-orientierten Industriesystems zu einem zentralen Knotenpunkt. Logistik ist in diesem Zusammenhang kein unterstützender Service mehr, sondern ein strategisches Asset, das über die Skalierbarkeit von Energielösungen entscheidet.

Ein weiterer Aspekt, der zunehmend in die wirtschaftlichen Bewertungen von Unternehmen einfließt, ist die Messbarkeit des ökologischen Impacts. Immer mehr Kunden verlangen belastbare und überprüfbare Daten zur Carbon Footprint, nicht nur für direkte Emissionen, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Möglichkeit, Emissionen präzise zu berechnen, zu zertifizieren und transparent darzustellen, wird insbesondere in Logistik und Industrie zur Voraussetzung für die Teilnahme an Ausschreibungen und langfristigen Lieferverträgen.

In diesem Zusammenhang wandelt sich Energie von einer reinen Commodity zu einem integrierten Service, bei dem Umweltkennzahlen einen eigenständigen wirtschaftlichen Wert erhalten“, so Romagnoli.

Die Entwicklung verdeutlicht einen grundlegenden Wandel im europäischen Energiemarkt. Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht mehr allein durch Preis oder Verfügbarkeit, sondern zunehmend durch die Fähigkeit, Versorgungssicherheit, regulatorische Konformität und messbare Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Für den Schwerlastverkehr und die Logistikbranche markieren Drop-in-Kraftstoffe wie HVO damit keinen radikalen Bruch, sondern einen pragmatischen Schritt hin zu einer operativ umsetzbaren Energiewende.

Tobias Friedrich
Tobias Friedrichhttps://wochenkurier.de
Tobias Friedrich, Jahrgang 1971, lebt mit seiner Familie in Berlin. Als freier Journalist schrieb er bereits für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Berliner Zeitung, Spiegel Online und die Süddeutsche Zeitung. Der studierte Wirtschaftsjurist liebt ortsunabhängiges Arbeiten. Mit seinem Laptop und seinem Zwergpinscher Jerry ist er die Hälfte des Jahres auf Reisen.

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